13.06.2016

Tag 7: La Gruère /Greyerzerland

Saatgut-Karawane 2016

Einem jeden Anfang wohnt ein Zauber inne

 

Im Morgengrauen fuhren wir eine steile und kurvige Straße in die Ausläufer der französischen Alpen hinein. Ein hölzernes Schild mit der Aufschrift „pain & fromage“ wies uns den Weg zu unserer nächsten Station.

 

Hinter dem alten Hofgebäude steht ein kleiner Container, der als Käserei ausgebaut ist – Marke Eigenbau. Gegenüber ein großes Fenster, der frische Putz bröckelt noch aus den Fugen; dahinter türmen sich Brotlaibe vor einer kleinen Getreidemühle. Dann tritt eine junge Frau aus der Käserei, begrüßt uns herzlich und beginnt, uns ihren erst letztes Jahr gegründeten Hof vorzustellen:

 

Vier junge Menschen haben hier gemeinsam den Schritt in die landwirtschaftliche Selbstständigkeit gewagt. Alle ihre Produkte veredeln sie vor Ort weiter und vermarkten sie anschließend direkt in der Region. Die Milch der zwei Schafherden mit bald 100 Tieren (eine alte regionale und Lancome, eine moderne Leistungsrasse) verkäsen sie vollständig selbst. Mit dem Atelier paysan, einer open source Bauernwerkstatt, arbeiten sie an der Entwicklung von Maschinen für kleine Käsereien. Auch das eigene Populationsgetreide wird selbst gereinigt, vermahlen und im Holz-Steinofen zu Brot verbacken. Durch viel Kreativität und Eigenarbeit sowie Privatkredite von Freunden und Familie konnten sie bisher auf Bank-Kredite verzichten.

 

Nach einer Weile tritt Philippe hinzu, der uns detailreich die gesamte Produktionskette vom Getreidesamen bis zum Brot erklärt. Er beschreibt uns die Funktionsweise der alten Getreidereinigungsgeräte, die sich scheinbar noch in vielen alten Scheunen finden lassen: Ein hölzerner Windsichter, der im Wesentlichen wie neuere Geräte arbeitet, bläst zuverlässig alles was zu leicht ist aus dem Erntegut; ein Trieur kann das Saatgut nach Form sortieren. In einer kleinen Granit-Steinmühle werden dann ca. 300 kg/Woche vermahlen. Mit dem frisch gemahlenen Mehl wird zweimal die Woche im Steinofen Sauerteigbrot gebacken.

 

Anschließend spazieren wir über ein artenreiches Grünland mit Orchideen und Frauenspiegel zu den Feldern. Hier beeindruckt uns abermals die bunte Mélange (Getreide-Sortenmischung), die sich in den nächsten Jahren immer besser an diesen Standort anpassen wird: Ganz kurze und bis zu 2 Meter lange Pflanzen haben teilweise Ähren mit langen, oder auch ganz ohne Grannen und schimmern in allen Grün-, Blau-, Grau- und sogar Rot-Tönen. Nicht nur wir sind tief berührt von der Vielfalt dieses Bestandes, auch aus Philippes Augen leuchtet tiefe Erfüllung. Hier scheint jemand einen Platz in dieser Welt gefunden zu haben, an dem er sich zusammen mit der Natur entwickeln kann.

 

Mit uns ist auch ein Berater von ARDEAR - ein Dachverband, der in Frankreich die Erhaltung alter Getreidesorten fördert. Vernetzung und Ausbildung für den Anbau und die Weiterverarbeitung sind die Werkzeuge des Verbandes. Jährlich organisiert er eine Tour für alle, die mit Getreide zu tun haben, also Bäuer*innen, Müller*innen, Bäcker*innen und andere Interessierte. Gemeinsam schauen sie sich den Gemengeanbau und die Weiterverarbeitung auf verschiedenen Betrieben an. Dadurch entsteht eine Gemeinschaft unter allen Beteiligten, in der Saatgut und Erfahrungen getauscht werden.

 

Von Hof-Umstellung, Wandel und der Evolution des Lebendigen

 

Später am Nachmittag treffen wir auf einen Bauern in der Schweiz. Erstmal erscheint er uns so ganz anders, als alles was wir zuvor gesehen haben. Doch als wir gemeinsam durch seine Felder laufen, wird klar, dass wir hier einen sehr smarten Bauern vor uns haben, der frei heraus das sagt, was er denkt und auch dazu steht.

 

Lange setzte er auf Intensivierung und fuhr mit hohem Dünge- und Spritzmitteleinsatz Spitzenerträge von bis zu 110 Dezitonnen Weizen pro Hektar ein. Doch trotz des hohen Ertrages verdiente er bei den Dumping-Preisen der Lebensmittelindustrie weniger als sein Großvater, der zu seiner Zeit nur etwa 40 dt erntete. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die Rate der behinderten Kinder bei Landwirt*innen in Frankreich besonders hoch ist, was mit intensiven Spritzmitteleinsätzen in Verbindung gebracht wird. Zusätzlich bemerkte er, dass die Biodiversität auf den Äckern immer weiter sank. All dies brachte ihn zum Umdenken. Nun erntet er mit einer Mischung alter Getreidesorten nur noch die Hälfte.

 

In den fünf Jahren eigenen Nachbaus konnten sich die Populations-Mischungen sehr gut an seine Standortbedingungen anpassen. Da jährlich circa 5% spontane Kreuzungen auftreten, entwickelt sich die Mischung fortwährend weiter. Und so stehen seine Kulturen nun ganz ohne synthetischen Dünger und Spritzmittel sehr gesund im Abendwind vor der wunderbaren Kulisse des Juragebirges. Zwar hatte er anfangs ein wenig mit Akzeptanzproblemen unter Kollegen zu kämpfen. Nach einer Weile jedoch fand er seinen Platz im Netzwerk von ProSpecieRara. Mit diesem engagiert er sich nun für Biodiversität und die Erhaltung alter Sorten wie dem „Roten mit Bart“ - einer Sorte, die in seinen Backtests die fluffigsten und bekömmlichsten Brote lieferte. Er freut sich über die Sortenvielfalt bei Weizen, Roggen und Gerste, stellt jedoch zugleich fest, dass es bei Raps und Hafer noch erheblichen Züchtungsbedarf gibt.

 

Seine Ernte kann er nun zu guten Preisen an Glutenallergiker verkaufen. Diese werden mittlerweile von vielen Ernährungsspezialisten und Naturheilkundeärzten aus der Region zu ihm geschickt. Außerdem beschrieb er uns, wie man die verschiedenen Getreide den einzelnen Elementen und Organen zuordnen könne: Einkorn beispielsweise bleibt lange recht klein und wächst dann in wenigen Tagen zu Beginn des Sommers unglaublich schnell, als erwache in ihm das Feuer.

 

Man könnte meinen, dieser Bauer habe nun genug durchgemacht, doch die Verwandlung seines Betriebes geht immer weiter: Auf seinen Grünlandflächen pflanzt er nun über 200 alte Obstsorten als Streuobstbäume zwischen denen er seine Schafe und Kühe grasen lässt. So bewahrt er wertvolles genetisches Material vor dem Aussterben und erschließt sich eine zusätzliche Einnahmequelle, denn die Früchte kann er zur Selbsternte anbieten.

 

Mehr Informationen auf der Saatgut-Karawane Website: seeds.junge-abl.de

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