• JAbL - junge Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft

16.05.2016

Junges Gemüse trifft alte Hasen

Geduld als Wegweiser, Vielfalt als Ziel

Es ist ein grauer Sonntagnachmittag im März, als ich mich auf mein Fahrrad schwinge. Seit Wochen freue ich mich auf dieses Hofgespräch. Trotzdem bin ich nicht ganz sicher, was auf mich zukommt. Ich, das „junge Gemüse“, bin 23 Jahre alt, studiere in Gießen Agrarwissenschaften und habe für meinen Hofbesuch mehr oder weniger zufällig einen Hof in der Umgebung auserkoren.

 

Bauer Jürgen Scheld hingegen gibt mir sofort das Gefühl, den richtigen Hof für meinen Besuch gefunden zu haben: Mit heißem Tee und beeindruckender Offenheit heißt er mich willkommen. Scheld hat Landwirtschaft in Witzenhausen studiert und übernahm Ende der 1980er Jahre den „Sonnenhof“ in Buseck (bei Gießen) von seinem Vater. Kurz danach stellte er den Betrieb auf Ökolandbau um. Als ich nach den Gründen frage, antwortet er verschmitzt: „Ich glaube, ich war schon immer ein kleiner ‚Bio‘. Die Pflanzenschutzspritze war einfach nicht so mein Ding.“ Scheld übernahm den Hof mit hohen Schulden und betriebswirtschaftliche Berater schüttelten damals den Kopf darüber. Dennoch hat er weitergemacht, alte Standbeine wiederbelebt und neue geschaffen. Wie das trotz der finanziell schwierigen Anfangssituation geklappt hat? Hauptsächlich mit einem festen Willen, langem Atem und etwas Glück, meint Scheld, der immer wieder auch von anderen Menschen in seinen Vorhaben unterstützt wurde. Ich selbst bin nicht auf einem Hof aufgewachsen und bin noch nicht sicher, wo genau ich später einmal arbeiten werde. Darum bestärkt mich dieser Rückblick: es muss nicht immer von Anfang an der perfekte Plan vorhanden sein. Ein klarer Blick nach vorn, Durchhaltewillen und die Geduld, auf passende Zufälle zu warten, sind schon eine gute Grundlage.

Der Sonnenhof ist heute ein 150 ha großer Betrieb mit derzeit 70 Milchkühen plus Nachzucht, Ackerbau, Grünland, einer eigenen Käserei, Saisongärten und einem Pferdestall, der vermietet wird. Auf dem Hof leben und arbeiten Familie Scheld, zwei Auszubildende und drei betreute Menschen. Jürgen Scheld liebt vor allen Dingen seine Kühe, wie man an seinen Erzählungen merkt: Seit Jahren versucht er durch verschiedene Kreuzungen robuste Kühe großzuziehen, die zu den Bedingungen eines Bio-Betriebs passen. Scheld füttert wenig Kraftfutter und freut sich schon auf den baldigen Beginn der Weidesaison. Die Milchleistung seiner Kühe liegt bei 5400 kg, Gesundheitsprobleme gibt es selten. Ein Teil der gemolkenen Milch wird in der hofeigenen Käserei verarbeitet, die sich der Sonnenhof mit einem Ziegenbetrieb teilt. Die Nutzungsdauer seiner Kühe ist Scheld mit 3,9 Laktationen im Schnitt „immer noch zu kurz“, er hofft auf zukünftig längere Zusammenarbeit mit seinen Tieren. Sich von alten oder kranken Kühen zu verabschieden, fällt dem Bauern nicht leicht. Natürlich gehöre es dazu, sagt er, aber oft habe man schließlich mit den Tieren einen ganzen Lebensabschnitt geteilt. Ich selbst bin seit Beginn meines Studiums mit verschiedensten Einstellungen zum Thema Tierhaltung in Berührung gekommen: zwischen Veganismus und Massenproduktion gibt es viele Facetten. Im Gespräch mit dem „alten Hasen“ erkenne ich nun viele meiner eigenen Gedanken wieder: Wertschätzung und Zuneigung für die Kühe als Lebewesen, gemischt mit einem praktischen Bewusstsein dafür, dass auch sie ihren Teil zum Einkommen des Betriebes beitragen müssen.

Begeisterung für seine Arbeit zeigt Jürgen Scheld auch bei einer Rundfahrt entlang der Felder, auf denen langsam alles zu wachsen beginnt. Ein kleines Stück Ackerland ist für die Saisongärten reserviert: Zum sechsten Mal bestellt er hier kleine Parzellen mit Gemüse, Verbraucher können sich eine Parzelle mieten und kümmern sich dann eigenständig um Pflege und Ernte. Die Begeisterung für das Wachstum auf den Feldern schlägt in Unverständnis um, als wir auf das Wachstum von Betrieben zu sprechen kommen. Ich selbst bin quasi Wachstumskritikerin, seit ich mich zum ersten Mal bewusst mit den Prinzipien einer ungebremst wachsenden Wirtschaft beschäftigt habe. Darum halte ich mich zurück und bin gespannt auf die Meinung des „alten Hasen“. Und tatsächlich kann ich meine eigenen Ansichten um einen ganz wesentlichen Punkt erweitern: die soziale Bedeutung. „Warum hält jemand über 500 Kühe, wenn sich daraus nicht einmal höhere Löhne für die Beschäftigten ergeben?“, fragt Scheld. Und, besonders interessant für „junges Gemüse“, das in den nächsten Jahren in die Landwirtschaft einsteigen möchte: Mit wachsenden Betriebsstrukturen sinkt auch die Flexibilität. Je größer die Strukturen eines Betriebes werden, desto weniger Möglichkeiten gibt es beim Generationswechsel für Veränderungen hin zu individuellen Vorlieben. Wir als „junges Gemüse“ können also auch aus egoistischen Gründen den Betrieben dankbar sein, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten auf den Erhalt von Vielfalt setzen.

Ich habe an diesem Tag einen sehr umfassenden Einblick in das Leben auf dem Sonnenhof bekommen. Ob bei der Vielzahl von Aktivitäten noch Gelegenheit für Freizeit bleibe, frage ich. Und obwohl Jürgen Scheld zugibt, dass sein Arbeitsalltag sehr voll ist, kann er auch auf diese Frage gleich mit mehreren Geschichten antworten: Neuseeland, die Schweiz, Irland… da gab es die eine oder andere Fachexkursion, die sich mit persönlichen Vorlieben verbinden ließ, und sei es nur die Hinfahrt auf dem eigenen Motorrad.

Mein Besuchsnachmittag ist länger geworden als erwartet, aber ich verlasse den Hof mit einem Lächeln auf den Lippen. Mitgenommen habe ich vor allem Zuversicht: eine vielfältige Landwirtschaft ist noch immer möglich und mit Ideen, Willen und Geduld lässt sich schon eine Menge erreichen. Auch der Sonnenhof und seine Bewohner können auf keine perfekte Entwicklungsgeschichte zurückblicken. Aber was es hier zu sehen und zu erzählen gibt, reicht sicher trotzdem noch für viele inspirierende Begegnungen.

Artikel + Foto: Aila von Rohden, Agrarstudentin