• JAbL - junge Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft

28.07.2016

Tanz ums Land

Anlass für die Aktion ist die Insolvenz von der KTG-Agrar. Der Konzern bewirtschaftet 45.000 ha und hat in den letzten Jahren mehr als 100 Mio.€ EU-Direktzahlungen verschlungen.

Durch investorenfreundliche, staatliche Landverkäufe ist eine Finanzblase entstanden, die bäuerliche Existenzen vernichtet hat; Regionen wurden in vermaiste Monokulturen verwandelt.

Wir fordern daher: Die 45.000 ha an kleinbäuerliche Betriebe umzuverteilen und einen sofortigen Stopp weiterer Landverkäufe aus staatlicher Hand! Wir wollen einen ländlichen Raum, der nachhaltig durch Menschen aus der Region gestaltet wird! Wir wollen die Agrarwende – JETZT!

 

Die jAbL tanzt mit

Bei einer KTG-Agrar-Maisfläche in Trampe trafen sich am 23.7.2016 das Bündnis Junge Landwirtschaft (BjL), die jAbL, Herr Lampe von der Agrargenossenschaft Trampe (Bauernverband) und Landwirtschaftsstudierende aus Eberswalde zum "Tanz ums Land". Es haben sich 150 junge Menschen zusammengefunden, die sich eine Zukunft als LandwirtInnen wünschen.

Es wurde zu einer Presseveranstaltung eingeladen. Artikel in der Märkischen Zeitung: http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1501462

Die jAbL hat an dieser symbolischen Aktion für bäuerliche Landwirtschaft teilgenommen. Die aktuelle Landvergabepolitik begünstigt Bedingungen, die es Jungbauern und -bäuerinnen schwer machen an Flächen zu kommen. Unsere zu diesem Thema ausgearbeitete Position hat Julia Bar-Tal auf der Aktion vorgetragen.

 

Bilder zum "Tanz ums Land" anlässlich der KTG-Agrar-Insolvenz

Rede von Julia

Die Zahlungsunfähigkeit des größten deutschen Agrarunternehmens ist ein Signal, das ernst genommen werden muss. Es ist ein Signal gegen Agrarindustrie und Landgrabbing.

Deswegen zeigen Menschen hier und heute an diesem Feld, dass Landvergabe uns alle angeht und wir das Recht haben mitzumischen!

Wir wollen keine agrarindustriellen Strukturen zu Lasten lebendiger Dorfstrukturen!

Wir wollen eine Landwirtschaft mit regionaler Verankerung und wertschöpfender Vielfalt.

Wir wollen nicht, dass die Gewinne aus dieser Landwirtschaft, die unsere Region zerstört, in einem Büro in Hamburg verprasst werden und dabei auch noch einfache Anleger um ihr Geld beschissen werden!

Wir sagen das hier und heute als BäuerInnen, als Landwirtschaft Studierende und als KonsumentInnen.

Noch 2015 propagierte die KTG, der dieses Feld voller Mais hier gehört, in ihrem Geschäftsbericht, dass die Zukunft rosig sei. Sie warben auch immer gerne mit ihrer Bio-Schiene und das der Umsatz hieraus stetig wachse. Das zeigt, dass die Diskussion nicht nur über bio und konventionell geführt werden muss, sondern zusätzlich um Regionalität und Nachhaltigkeit. Wenige Monate nach den letzten hohlen Erfolgsverkündigungen der KTG dann die Zahlungsunfähigkeit. Pech gehabt, könnte man meinen. Aber in diesem Fall hat das ganze System versagt. Es gibt Berichte, denen zufolge der Konzern schon lange unterdurchschnittliche Erträge einfuhr. Das wundert nicht, denn - um noch einmal in der Wunde zu bohren: wir, die wir schon lange in unseren politischen Forderungen auf die problematische Bodenpolitik hinweisen, wir, die wir in der Region leben und arbeiten wissen, dass es bei der KTG um Spekulation geht und nicht um Landwirtschaft, die wir als Bauern und Bäuerinnen machen. Wir sagen schon lange: wir brauchen etwas anderes als diese Riesenunternehmen!

Letzten Endes ist diese Pleite mehr als nur ein Signal - es ist der Beweis dafür, dass Landwirtschaft in agrarindustriellen Strukturen nicht nachhaltig funktioniert! Und diese Art von Bodenpolitik auch nicht.

Rede von Julia beim Tanz ums Land

 

Womit hat dieser Konzern sein Geld verdient und was hat ihn schließlich zu Fall gebracht?

Boden ist in den letzten Jahren immer mehr zum Objekt der Begierde für Fremdinvestoren und Kapitalgesellschaften geworden, denen dieser als lohnende Geldanlage dient. Boden wird nicht mehr und ohne Boden verhungern wir, deshalb wird Boden nie seinen Wert verlieren. Auf dieser Grundlage wurde die unendliche Wertsteigerung des Bodens versprochen. Real wirft der Boden als "Rendite" die jährliche Ernte ab, die unser Überleben sichert. Eine unendliche Wertsteigerung ist das aber nicht. Diese gibt es nur, solange jemand bereit ist, immer noch mehr Geld für den selben Boden zu bezahlen - so ist eine Finanzblase entstanden.

Das Geld wird nicht mehr auf dem Acker verdient sondern damit, dass mit den Landpreisen spekuliert wird. Astronomische Landpreise und niedrigste Lebensmittelpreise sind nicht vereinbar. Im Falle der KTG ist die Blase geplatzt - sie konnte den Zinsforderungen, die sie für Kredite, also virtuelles Geld, hätten bezahlen müssen nicht mehr nachkommen.

 

Warum war dieses Betriebskonzept trotzdem so lange so attraktiv?

Dafür sind unter anderem die EU-Subventionen pro Hektar verantwortlich. Die Betriebe, die am meisten Land besitzen, kassieren auch die meisten Fördergelder. Die KTG Agrar etwa hat mehr als 100 Mio. Euro Direktzahlungen verschlungen. Diese Verteilung der Agrarfördermittel fördert ausschließlich Betriebe mit viel Fläche. Sie müssen gar nicht viel erwirtschaften, um kurzzeitig ansehnliche Gewinne einzustreichen. Statt diejenigen zu begünstigen, die schon viel haben, sollten die Subventionen doch der Förderung und der Erhaltung einer produktiven, kleinstrukturierten Landwirtschaft dienen!

Während die durchschnittliche Betriebsgröße in Ostdeutschland an die 300 ha reicht und gleichzeitig im Westen weit unter 100ha liegt, schaffen die viel größeren ostdeutschen Betriebe nur halb so viele Arbeitsplätze pro Hektar und ca. 30% weniger Bruttowertschöpfung. Die Zahlen vieler Statistiken belegen, was wir schon immer sagen: es sind kleinere Betriebe und dezentralere Agrarstrukturen, die größere Wertschöpfung bieten.

 

Was wollen wir?

Wir wollen viele, bäuerliche Betriebe und eine gerechte Bodenpolitik!

 

In Deutschland ist Landvergabe Ländersache. Einige Bundesländer gehen bereits mit gutem Beispiel voran und reformieren die Gesetze, welche die Landvergabe regeln. Wir fordern, dass bei der Landvergabe nicht derjenige den Zuschlag erhält, der am meisten bietet. Es müssen Kriterien berücksichtigt werden, die für das Leben auf den Dörfern und die Etablierung einer Landwirtschaft für und mit Mensch und Natur essentiell sind. JunglandwirtInnen, Betriebsneugründer und der Erhalt von bäuerlichen Betrieben muss dabei gezielt bevorzugt werden. Große Betriebe dürfen nicht automatisch immer größer werden, es muss eine Bodenvergabe her, die dafür sorgt, dass kleine Strukturen gefördert und erhalten werden, um der Zentralisierung der Agrarstrukturen entgegen zu wirken. Die Milchkrise ist eines der greifbaren Beispiele für diese Fehlentwicklungen. Um die Preissteigerungen wirksam einzudämmen müssen diese Gesetze eine Pachtpreisbremse formulieren. Das gleiche gilt auch für Landkaufpreise. Andere Bundesländer, aber auch andere Nachbarländer wie Frankreich geben uns positive Beispiele, die belegen, dass dies sehr wohl möglich ist.

Wir wollen sicherstellen, dass diejenigen Landwirte Zugang zu Land haben, welche ihrer Verantwortung für den Boden gerecht werden - daher muss es einen offenen Dialog darüber geben, welche Kriterien in den Landesbodengesetzen festgeschrieben werden!

Bis dieser Dialog nicht stattgefunden hat, darf die rasante Landvergabe so nicht weitergehen!

Auch bei den Flächen, die schon in den Händen von KTG sind - wie können diese in kleinere Strukturen übergehen? Sind die Weichen erst einmal in Richtung groß gestellt, wird es immer schwieriger, eine Übergabe zu kleineren Strukturen zu erwirken.

Wir fordern daher die Politik auf, hierfür Strukturen zu schaffen und bis Lösungen gefunden sind: Noch einmal: einen Stopp der Landvergabe.

Nur so kann eine Landwirtschaft geschaffen werden, welche von der Gesellschaft getragen wird und die gleichzeitig die Gesellschaft trägt.

Denn Landwirtschaft und Bodenpolitik geht uns alle an. Wir müssen uns das Mitbestimmungsrecht über den Boden wieder erkämpfen, um unsere Ernährungssouveränität zu sichern.

Daher müssen wir dafür kämpfen, dass der Boden als Gemeingut behandelt und zum Wohl aller, nicht zum Profit weniger dient.

 

Wir fordern:

Die Landvergabe durch die BVVG muss gestoppt werden, solange bis ökologische und, soziale Vergabekriterien geschaffen wurden.

Dies gilt für alle Flächen: Boden ist Gemeingut und muss es bleiben. Daher müssen die Landesbodengesetze reformiert werden, um unserer Region gerecht zu werden!

Kleine Strukturen bringen das Leben auf die Dörfer. Wir fordern mehr Förderung für den Erhalt und Wiedereinrichtung von bäuerlichen Strukturen!

 

Von Julia, Kaya, Mareike

Die jAbL tanzt mit

Pressemitteilung des Bündnisses Junge Landwirtschaft

Eberswalde 26.07.16, Landbesetzungs-Aktion "Tanz ums Land" - Ein voller Erfolg

 

Etwa 150 Menschen, darunter viele angehende Jungbäuer*innen, besetzten von Samstag auf Sonntag begleitet von mehreren Kamerateams landwirtschaftliche Flächen bei Breydin, südlich von Eberswalde.

Ziel der Aktion war es darauf aufmerksam zu machen, dass es viele junge, gut ausgebildete Landwirt*innen gibt, die jedoch keinen Zugang zu Land haben.

Das Bündnis Junge Landwirtschaft (BjL) hatte gemeinsam mit dem Aktionsbündnis Agrarwende Berlin-Brandenburg zu der Besetzungsaktion aufgerufen:

Anlass für die Aktion war die Insolvenz von KTG-Agrar. Der Konzern bewirtschaftet europaweit 45.000ha und hat in den letzten Jahren mehr als 100Mio.€ EU-Direktzahlungen verschlungen. Die Insolvenz zeigt nun, dass diese Art von industrieller Landwirtschaft keine Zukunft hat!

                                   

Bei einer Kundgebung berichteten fünf Bäuer*innen aus der Region über ihre Erfahrungen im Ringen um Land. Sie umrissen die politischen Probleme am Bodenmarkt und zeigten zugleich Wege zu einer nachhaltigen und regional eingebetteten Landwirtschaft auf:

"Zweimal im Jahr sind irgendwelche Dienstleister auf die örtlichen KTG-Flächen angerückt. Die haben eine halbe Stunde auf dem Feld gearbeitet und dann waren sie wieder weg", erzählt Barnims Kreisbauernverbandsvorsitzender Holger Lampe. "Mit Landwirtschaft hat das nichts zu tun, und unsere Dörfer interessieren die auch nicht", ist ihm klar.

„Durch investorenfreundliche, staatliche Landverkäufe ist in den letzten Jahren eine Finanzblase am Bodenmarkt entstanden, die bäuerliche Existenzen sowie das Geld zahlreicher Privatanleger vernichtet hat – unsere Region wurde in eine vermaiste Monokultur verwandelt.

Wir fordern daher: Die 45.000ha an kleinbäuerliche Betriebe umzuverteilen und einen sofortigen Stopp weiterer Landverkäufe aus staatlicher Hand. Wir wollen einen ländlichen Raum, der nachhaltig gestaltet wird durch Menschen aus der Region. Wir wollen die Agrarwende – JETZT!“, so Paul Hofmann (Ökolandbau-Student aus Eberswalde und Pressesprecher der Aktion).

Julia Bar-Tal, die den "Hof Bienenwerder" bei Müncheberg (Märkisch-Oderland) bewirtschaftet, hat drei Jahre lang mit der BVVG gekämpft, um schließlich 50 Hektar Land zu bekommen. "Wir müssen uns das Mitbestimmungsrecht bei der Landvergabe wieder erkämpfen", ist sie überzeugt. "Boden ist Gemeingut und das muss auch so bleiben!"

"Jetzt ist die Brandenburger Landesregierung gefragt: Die Einführung einer Junglandwirteförderung und eine Kappung bei der Flächenprämie, wie sie von der EU vorgesehen ist, wären erste Schritte in Richtung Zukunft“, verdeutlichte Anja Hradetzky eine junge Milchbäuerin aus Stolzenhagen. Jan Sommer (Landwirt und Kreistagsabgeordneter (Bündnis 90/Grüne)) ergänzt "Das Land braucht junge Menschen! Und was wir jetzt brauchen sind Politiker, die Mumm zu einer aktiven Bodenpolitik haben."

Ludwig Seeger, Gemüsebauer vom Bürgergut Börnicke, hat das Vertrauen in die staatlich beauftragte Bodenverwertungs und -Verwaltungs GmbH (BVVG) verloren:

"Wenn Ihr Land sucht, müsst Ihr Euch an die Kirchengemeinden vor Ort wenden." Diesen sei nämlich in einer Handreichung von der Kirchenleitung empfohlen worden, bei Neuverpachtungen Kriterien wie Regionalität, Nachhaltigkeit, Ökologie und soziale Strukturen zu berücksichtigen sowie jungen Bewerben den Einstieg in die Landwirtschaft zu erleichtern.

 

Nach diesen Worten stürmten die Teilnehmer*innen bewaffnet mit Mistgabeln und Bannern wie „Lasst und aufs Land“ und „Für eine gerechte Bodenpolitik“ auf die Energie-Maisfläche von KTG-Agrar. Die Polizei forderte die Besetzer*innen unter Androhung von Strafverfolgung wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung dazu auf die Fläche umgehend zu räumen. Der Eigentümer KTG-Agrar tauchte jedoch nicht auf.

Nach einer längeren verbalen Auseinandersetzung beschlossen die Besetzer*innen ihr Camp auf die angrenzende Weide zu verlagern. Da eine Konfrontation mit der Polizei nicht Ziel der Veranstaltung war.

 

Im Anschluss harrten über 100 Jungbäuer*innen die ganze Nacht auf der besetzten Fläche aus. Sie tanzten passend zum Motto „Tanz ums Land“ zu elektronischer Tanzmusik um den KTG-Acker, den sie so gerne bewirtschaften würden. "Wir feiern unsere politischen Forderungen! Das verbindet ganz einfach Spaß und Sinn!", sagt Lukas Denker (DJ und Ökolandbaustudent aus Eberswalde) beim morgendlichen Zelte-Abbau.

Die Besetzer*innen betonten abschließend nochmals, dass sie das weitere Geschehen um die KTG-Agrar-Insolvenz genau verfolgen würden: "Auch, wenn die Insolvenzverwaltung wie von dem Konzern beantragt in Eigenregie läuft und zunächst der Betrieb der meisten Töchter weitergeht, müssen die politisch Verantwortlichen Konsequenzen aus den Erfahrungen ziehen. Landwirtschaft funktioniert nicht per Fernsteuerung und darf nicht Finanzinvestoren übereignet werden.“

 

Paul Hofmann, Aktions-Pressesprecher für das Bündnis Junge Landwirtschaft

Kontakt: landgrabbing-presse@riseup.net

Mehr Hintergrundinfos zum Bündnis Junge Landwirtschaft: http://www.stopp-landgrabbing.de/

 

 

Bilder in diesem Blogbeitrag von Vanessa Ebenfeld