20.12.2016

Ernährungssouveränität – für Veränderung, Vielfalt und Solidarität in unserer Landwirtschaft

Bei Betreten der großen Halle der „Expo-Transilvania“ in Cluj Napoca, Rumänien, schlägt uns buntes Stimmengewirr entgegen. In der Halle präsentieren sich die regionalen bzw. nationalen Nyéléni-Bewegungen der über 40 teilnehmenden Länder Europas, Zentralasiens und des Mittleren Osten mit Plakaten, eigens mitgebrachtem Saatgut oder lokalen Spezialitäten und vielem mehr. Über 500 Bäuer*innen, Gärtner*innen, Aktive aus Konsum- oder Menschenrechts-, Umwelt- und Tierschutzorganisationen sitzen hier vom 25.-31. Oktober in Plena oder Kleingruppen zusammen und diskutieren, netzwerken und tauschen sich aus, wie eine anderes Landwirtschafts- und Ernährungssystem weltweit, in Europa, aber auch national und regional, vorangetrieben werden kann.

 

Nyéléni-Forum 2016

 

Bunte Mischung und fokussierte Zusammenarbeit

Unter den Teilnehmenden ist auch eine bunte Mischung von Menschen aus Deutschland: 36 Personen, von denen 2/3 Frauen, 2/3 unter 35 Jahren und 1/3 Erzeuger*innen sind. Darunter sind auch 7 AbL bzw. jAbL Mitglieder. Wir diskutieren lebendig mit Hilfe ehrenamtlicher Übersetzer*innen aus ganz Europa in 9 Sprachen, wie wir die Bewegung für das Recht auf Ernährungssouveränität weiter stärken können, denn „alle Menschen und Gemeinschaften haben das Recht, selbst zu bestimmen, wie sie sich ernähren wollen. Das umfasst Anbaumethoden, Arbeitsbedingungen sowie den Zugang zu natürlichen Ressourcen weltweit. Dafür muss sich die Zivilgesellschaft zusammentun und die entsprechenden politischen Rahmenbedingungen einfordern“, so Paula Gioia (AbL). Erstes Zwischenergebnis unserer Diskussionen sind die Arbeitsgruppen zu folgenden sechs Themenfeldern:

 

Kampagnen- und Aktionsschwerpunkte:

Zugang zu Land

Wasser und Boden

Rechte von Arbeiter*innen und Migrant*innen

bäuerliche Agrarökologie und Saatgut

Alternative Handelssysteme und

die Macht globaler Konzerne, Territoriale Märkte und regionale Lebensmittelverteilungssysteme

Gemeinsame Ernährungs- und Agrarpolitik

 

Von gemeinsamen Visionen zu konkreten Aktionen

Wie jedoch erreichen wir die breite Masse der Zivilgesellschaft, um die Bedeutung dieser Themen zu verdeutlichen und somit Veränderungen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene zu erwirken? Denn obwohl wir uns bei der Konferenz alle einig waren, dass es Neuordnungen auf beiden Ebenen bedarf, um unser Landwirtschafts- und Ernährungssystem an die Bedürfnisse aller Menschen und der Natur auf lange Sicht anzupassen, so tasten wir uns nur langsam an das „WIE“ heran.

Eine erste Strategie ist es, verschiedene Bewusstsein schaffende und öffentlichkeitswirksame Aktionen in Deutschland durchzuführen, um auf die Problematiken im jetzigen Landwirtschaftssystem aufmerksam zu machen. Konkrete Beispiele dafür sind z.B. Filme, in denen junge und alte Bauern und Bäuerinnen über ihre persönliche Geschichte des Hofübernahmeprozesses berichten.

Eine weitere Idee ist, das die Bäuerlichkeit ausmachende Wissen aus Deutschland, aber auch aus Europa, auf einer Agrarökologie-Plattform im Internet zu sammeln und damit für Interessierte zugänglich zu machen. Wissensaustausch in diesem Feld wird aus verschiedenen Gründen als substanziell angesehen, denn anders als in Deutschland gibt es in vielen Ländern keine staatlich anerkannte landwirtschaftliche Ausbildung. Agrarindustrielle Strukturen in der Landwirtschaft bringen zudem oftmals mit sich, dass das Wissen einer nachhaltigeren und generationenverantwortlichen Landwirtschaft verloren geht. Darüber hinaus würde ‚neues‘ Wissen von experimentierfreudigen Praktiker*innen und der Wissenschaft, wie z.B. neu gewonnene agrarökologische Erkenntnisse und innovative Anbaupraktiken darin auch ihren Platz finden.

 

Delegation Nyéléni-Forum

 

Gemeinsamkeit ist unsere Stärke!

Vom Nyéléni-Forum haben wir jedoch nicht nur konkrete Ideen für Aktionen mit nach Deutschland gebracht. Vielmehr haben unsere Erfahrungen in uns das Bewusstsein gestärkt, dass ein Austausch mit so vielen unterschiedlichen Menschen, die häufig mit sehr ähnlichen Problemen konfrontiert sind, bereits eine Vielzahl an Denkanstößen oder auch Lösungsansätzen liefern kann. Sehr deutlich wurde: Gemeinsamkeit ist unsere Stärke! Aus diesem Grund geht die Nyéléni-Bewegung in Deutschland weiter. Informationen und Blog zum Forum in Cluj: nyeleni.de.