08.09.2016

Junges Gemüse trifft alte Hasen

Bäuerliche Genüsse

Es ist ein sehr schöner Tag, als ich nach einer langen Fahrt bei Ehepaar Herbst auf dem Hof in der Nähe von Göttingen ankomme. Mitten in der Erntezeit. Zwei der Enkelkinder sind für einige Wochen zu Besuch. Der Ältere darf bei Opa mitmachen, Teckerfahren.

Die Jüngere wird von ihrer Oma und ihrer Großtante liebevoll umsorgt. Es ist also viel los. Und während wir am Tisch im Garten bei Saft, Kaffee und Kuchen sitzen wird klar, dass heute auch noch ein Acker gedroschen werden soll.

Es war Bauer Siegfried, der vorschlug, sich heute, 16 Jahre nach dem Erscheinen über einen Bericht zu unterhalten, den er für den ‚Kritischen Agrarbericht 2000‘ geschrieben hatte:

Er ist 1964 mit 16 Jahren aus „bäuerlichen Genüssen“ Bauer geworden. Damit meint er die Muße, die man für die Arbeit auf dem Feld brauchte. Den Boden sollte man als Bauer als Leben erfahren. Ein Arbeitstag begann morgens um 6:00 Uhr und endete um 18:30 Uhr. Danach war noch Zeit für ein bisschen Zwischenmenschliches mit Freunden und Familien. Es war befriedigend, wenn man sein vollbrachtes Tagewerk am Ende des Tages bestaunen konnte. In Dankbarkeit schaute man auf das, was man zum Großteil mit seinen eigenen Händen geschafften und was man geerntet hatte. Die Mahlzeiten nahm man gemeinsam ein und man erfreute sich an der Gesellschaft der Anderen.
Das Ziel vor der Technisierung der Landwirtschaft war die Selbstversorgung. So übernahm Siegfried Herbst 1972 von seinen Eltern 15ha, 10 Milchkühe und 20 Zuchtsauen. Damit sollte ein generationenverantwortliches und lebenswertes Leben gesichert werden. Und obwohl sich der Hof mit der Zeit vergrößerte und somit auch die Vermarktung einiger Lebensmittel notwendig wurde, zählt auch das für ihn zur bäuerlichen Tradition. Die Erhaltung des Hofes stand im Mittelpunkt, dazu die Tiere mit Familienanschluss und der Glaube an Gott.

Die bäuerlichen Werte verschwinden: Mit der Technisierung vergrößerte sich die landwirtschaftliche Nutzfläche. Jetzt fallen Worte wie „Betrieb“ anstatt „Hof“ und „Produktion“ anstatt „Selbstversorgung“. Diese Begriffe sind für Siegfried nicht mehr bäuerlich. Trotzdem macht die Technisierung auch nicht vor seinem Hof Halt. Die Fruchtfolge verändert sich zu Rüben – Weizen – Weizen. Heute im Jahr 2016 ist die Fruchtfolge 6-jährig: Rüben - Weizen – Gerste – Raps – Weizen – Weizen oder Raps – Weizen – Weizen – Ackerbohne – Weizen – Gerste. Wo früher noch die „bäuerlichen Genüsse“ im Mittelpunkt standen, thront jetzt die Ökonomie. Der Bauer steht vor der Wahl: Entweder wächst sein Betrieb oder er gibt auf. Das Ziel lautet nach der Fachschule, Ende der Sechziger Jahre: 20 ha, 20 Zuchtsauen und 15 Kühe mit der Familie bewirtschaften. Wachstum lautet die Devise: mit den Ackerflächen, die Siegfried Herbst dazu pachtet, steigt auch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, Antibiotika und die Aufgaben eines Landwirten. Heute, 2016, bewirtschaften er und seine Ehefrau Inge, zusammen mit einem Helfer 110ha Ackerland. Um die Bäuerlichkeit zu erhalten, geht er jedes Mal vor dem Spritzen aufs Feld und überprüft dessen Notwendigkeit und wägt es mit der mechanischen Bodenbearbeitung ab. Die Ende der 70er Jahre auf 70 Zuchtsauen erweiterte Schweinehaltung wurde in den vergangen Jahren aufgegeben.
Nicht mehr „Muße“ und „Befriedigung“ prägen den Alltag eines Bauern, viel mehr sind es: Eile, Planung, Berechnung und Funktionieren. Der Tag eines modernen Landwirtes kennt keinen Feierabend mehr. Das Einzige was heute noch bäuerlich sei, sei das Frühstück, fügt er an. Mit der MacSharry-Reform stieg der bürokratische Aufwand. Die bäuerlichen Werte verschwinden. Während er das Kapitel über die damalige Entwicklung der Landwirtschaft vorliest, langt er sich mit seiner Hand an den Kopf und lacht ein bisschen verzweifelt: „Das habe ich vor 20 Jahren geschrieben und heute ist es noch schlimmer!“. Diese ungesunde Entwicklung wird von einigen Bauern, darunter Siegfried Herbst, stark kritisiert und deshalb gründen sie1983 den „Arbeitskreis Südniedersachsen der AbL“ in dessen Küche. Im selben Atemzug fügt er an: „AbL macht süchtig.“ Sein politisches Interesse und Engagement sprudelt immer noch.

Bei einem Hofrundgang wird sichtbar was der Wandel in der Landwirtschaft auch mit den Gebäuden seines Hofes macht. Einige der Sauenställe sind schon renoviert und werden anderweitig genutzt, in anderen Gebäuden ist noch sehr gut erkennbar welche Funktion sie einmal hatten.

Die Zukunft seines Hofes ist noch unsicher und das beschäftigt ihn. Er sei offen für Vieles: So könne er sich beispielsweise vorstellen, dass der Hof auf den ökologischen Landbau umgestellt werden könnte. Trotzdem sei es nicht leicht, dass alles in der Schwebe steht.

Auf die Felder fahren wir nicht mehr – Ich bin ja schon eine ganze Weile da und außerdem muss heute Abend ja noch gedroschen werden.

Junges Gemüse trifft Siegfried Herbst

Und was ihm geblieben sei, seit er damals Landwirt aus „bäuerlichen Genüssen“ geworden ist? Ohne zu zögern sagt er, es sei der Spaß an seiner Arbeit. Und im nächsten Satz beginnt er von seinen 3 Kindern zu erzählen, die alle beruflich mit der Landwirtschaft verbunden sind. Ich spüre, wie es ihn von Herzen freut, dass das berufliche, politische und private Wirken von ihm und seiner Ehefrau Wurzeln geschlagen hat. Vielleicht kommt eines seiner Enkelkinder zurück und übernimmt den Hof. Die Zukunft der bäuerlichen Landwirtschaft ist da und hat Potential.
Siegfried Herbst erfahre ich als sehr bewussten und überzeugten Bauern mit einer großen Begeisterung für die bäuerliche Landwirtschaft und die Agrarpolitik. Für die bäuerlichen Genüsse steht Siegfried Herbst ein und kämpft dafür seit nun mehr als 30 Jahren, seit damals der Arbeitskreis Südniedersachsen der AbL in seiner Küche gegründet wurde.

Theresa Wildemann, Agrarstudentin Witzenhausen, 2. Semester