30.06.2016

Junges Gemüse trifft alten Hasen Matthias Stührwoldt zum Gespräch

Es ist ein schöner Nachmittag Anfang April, als ich bei Matthias Stührwoldt im schleswig-holsteinischen Stolpe, nahe Kiel, ankomme. Ich bin etwas nervös, da ich noch nicht recht weiß, was mich erwartet. Die Wohnungstür steht weit offen. Ich rufe zögerlich: „Hallo?“, und als Antwort kommt ein freundliches: „Komm‘ herein!“.

In der Küche steht Matthias und füllt sich und seinem Mitarbeiter gerade selbstgemachten Kartoffelsalat und Bratwürstchen auf. Wie er mir mitteilt, ist er gerade erst nach Hause gekommen. Da wir nur kurz am Telefon miteinander gesprochen haben, stelle ich mich noch einmal vor und erzähle ihm, dass ich eine landwirtschaftliche Lehre abgeschlossen habe und mich für Landwirtschaft begeistere, meine Familie jedoch keinen Hof bewirtschaftet. Von Matthias erfahre ich, dass er eher ein „Grünlandbauer“ ist und, dass ihm seine zweiundfünfzig Milchkühe sehr am Herzen liegen. Er kocht einen Kaffee und erzählt, wie sein landwirtschaftlicher Werdegang war.

Mit elf Jahren begann er im väterlichen Betrieb mitzuhelfen. Nach dem Abitur schloss er erfolgreich eine landwirtschaftliche Lehre ab, probierte sich dann aber im sozialen Bereich und absolvierte seinen Zivildienst in einem Kindergarten, wo er auch seine Frau Birte kennen lernte. Nach einem angebrochenen Agrarstudium, meldete sich Matthias an der Höheren Landwirtschaftsschule in Rendsburg an. Diese schloss er erfolgreich mit dem Meisterbrief ab und bekam anschließend von seinem Vater den Hof überschrieben. Matthias ist 30 Jahre alt, als er den Hof übernimmt. Sein Vater ist 64 Jahre alt.

Doch die Hofübergabe ist nicht konfliktfrei abgelaufen und war eine große Umstellung für seine Eltern. Es stand ein Umzug bevor, doch der Fahrweg war nicht weit. Aus historischen Gründen besteht der Hof aus zwei Hofstellen, die zwei Kilometer voneinander entfernt liegen und in dessen Nebenstelle Matthias mit seiner Frau und seinen Kindern bis dahin gelebt hatte. Die Tatsache, dass aus Platzgründen viele Dinge der Eltern entsorgt werden mussten, stieß auf Unmut der Eltern. Matthias erzählt mir, dass man mit der Zeit und den Erfahrungen, die man macht, in seine neue Rolle als Betriebsleiter hineinwächst. Dies sei ein kontinuierlicher Prozess bis man sich letztendendes sicher fühle. Gerade die Konfliktbewältigung zwischen seiner Mutter und seiner Frau war ein entscheidender Schritt zur Rollenfindung. Die Schwiegertochter, die nicht auf dem Betrieb mitarbeitete und ihren Beruf im Sozialen Bereich weitermachte, stieß auf völliges Unverständnis Seitens Matthias Mutter, die sich zudem mit ihrem neuen Leben als Rentnerin schwer tat. Doch Matthias stand zu seiner klaren Entscheidung: „Entweder ihr akzeptiert unsere Entscheidung oder wir sind weg!“. Die Entscheidung wurde akzeptiert und der Kleinkrieg löste sich mit der kommenden Routine langsam auf. Seine Mutter half lange beim morgendlichen Melken und so manch ein Lehrling musste ihre verbesserungsfreudige Art am Morgen ertragen. Matthias meint, dass es immer wichtig sei, sich auch in den Anderen hineinzuversetzen, um so Verständnis für sein Gegenüber zu gewinnen.

Für Matthias Vater war die Umstellung auf sein neues Leben leichter. Er half auf dem Hof mit, wenn er gebraucht wurde. Die Entscheidung seines Sohnes, biologisch zu wirtschaften, konnte er nach anfänglichen Bedenken akzeptieren, da es sich rechnete. Matthias erzählt mir, dass er wirklich sehr froh war, später nicht mit seinen Eltern unter einem Dach wohnen zu müssen, das hätte einiges erleichtert. Gleichzeitig ist er auch sehr dankbar für den Erfahrungsaustausch mit ihnen. Matthias Sohn Peer, macht gerade eine Ausbildung zum Landwirt, was Matthias sehr freut. Eventuell wird sein Sohn den Hof später übernehmen, doch Matthias lässt ihm die Entscheidung offen.

Unser Gespräch nähert sich dem Ende. Bevor es dämmrig wird, steigen Matthias und ich noch auf den Hügel der Kuhweide, von dem aus man beide Hofstellen sieht. Was ich mitnehme aus dieser Begegnung? Generationenkonflikte tauchen überall auf, egal ob mit oder ohne Hof. Das sehe ich auch in meinem Umkreis. Um diese zu bewältigen, bedarf es Ausdauer sowie Mut, sich den Themen zu stellen und als Junglandwirt seine Meinung zu verteidigen, Einfühlungsvermögen zu haben und verantwortungsbewusst zu sein. Familie ist ein großer Schatz.

Artikel von Katrin Garbelmann